Für Veränderung bedarf es großer Aktivierungsenergie, um einen "Gewinn" zu erzielen - eine  bekannte Weisheit von S.Arrhenius (Nobelpreis für Chemie 1903). 

Veränderungsantriebe sind: 
1. Schmerzen,  2. Notlagen,  3. große Ziele

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METTMANN  |  3. JANUAR 2019

Gastbeitrag: So hat Mettmann gute Entwicklungschancen

   

Von Philipp Nieländer

In unserem heutigen Gastbeitrag führt Dr. Peter Feyen, unter anderem Gründer der Bürgergenossenschaft "VierViertel für Mettmann", aus, dass Mettmann für Veränderungen einzelne Menschen braucht, die sich in Teams zusammenfinden, um an einem Ziel zu arbeiten.

 

 

Bei der Posthalterei besteht – im Förderfalle – die Chance, dass sich ein erstes „bürgerschaftliches Team zur Stadtentwicklung“ zusammenfindet, meint Dr. Peter Feyen, der auch diese Skizze erstellt hat.

Als Mettmann 904 zur Stadt erkoren wird, leben ca. 200 Menschen hier. Das Leben wird demnach schon ein bis zwei Jahrhunderte vorher begonnen haben, als es in dem ca. 2 °C wärmeren Rheingraben einigen „zu eng“ wurde. Die Mönche aus Kaiserswerth kommen, um das Christentum zu verbreiten. Mit ihren Erfahrungen verhelfen sie den Menschen zu ertragreicheren Ernten. Aus Dankbarkeit bauen sie ab 1184 den über 50 Meter hohen Kirchturm mit drei Schiffen aus vulkanischen Gesteinen in romanischer Bauweise. Die Kirche mit ihrem Turm erzielt hohes seelsorgerisches Ansehen bis ins Umland hinein.

Vielleicht der Grund dafür, dass Mettmann 1424 zur „Freiheit“ mit weitreichenden Rechten und Pflichten erhoben wird vom Herzog von Berg? Die Schützenbruderschaft St. Sebastianus wird 1435 gegründet, um die Stadt im Konfliktfall zu verteidigen. Ende des Jahrhunderts (28. August 1496) wird der Humanist Konrad Heresbach geboren, der 50 Jahre dem Klevischen Hof als Prinzenerzieher und Berater dient. Seine Bücher über die Landwirtschaft sind vielbeachtet. Durch seine Freundschaft zu Johann Gogreve, berg. Kanzler und wohnhaft auf Schloss Hellenbruch, bleibt er immer in Kontakt zu Mettmann.

Einzelne Mettmanner brechen auf in die Welt, um ein wirtschaftliches Auskommen zu erlangen. Die, die es zu Wohlstand bringen (z. B. in der Hanse), schicken Spenden an die Stadt. 1546 tritt unser 3000-Seelen-Dorf unter der Führung des jungen Kaplans Diedrich Heiß praktisch geschlossen zur reformierten Kirche über. Nur fünf katholische Familien (25 Personen) bleiben übrig.

1673: Mettmann lebt von der Strata Coloniensis. Die Freiheit Mettmann hat 1719 Einwohner, 155 Häuser, 178 Weber, 153 Bauern, 47 Handwerker, 4 Händler, 2 Müller und 41 Wirte und Vorspänner (!). Die Posthalterei, die es heute zu erhalten gilt, ist eine solcher „Raststätten“. In dieser Zeit werden viele Häuser am Markt, der Oberstraße, der Mühlenstraße gebaut.  In Mettmanns Umgebung sind erste Bauernhöfe und Kornmühlen ab dem 14. Jahrhundert entstanden.

Große Zäsur durch die Industrialisierung

Eine große Zäsur in der Stadt beginnt mit der Industrialisierung ab 1804 (die Kratzenfabrik Peter Wolters). Man versäumt es, sich um Stadtplanung und Verkehr weitsichtig zu kümmern. Der Bau der überdimensionierten Stadthalle, 1981, trägt leider mit dazu bei, dass die frühen Fehlentwicklungen aufgrund der angespannten Finanzlage nicht korrigiert werden können.

So versucht Mettmann bis heute, die Stadtentwicklung „einigermaßen“ hinzubekommen. Dadurch aber, dass sie keine einträglichen Gewerbesteuern hat, die Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen könnten, muss sie voraussichtlich noch eine halbe Ewigkeit so weiter machen, wenn nichts Neuartiges geschieht. Nun ist aber Mettmann nichts außergewöhnliches. Vielen Städten in NRW geht es wirtschaftlich viel schlechter.

„Wie oft im Leben haben Nachteile auch Vorteile.“

Und wie oft im Leben, haben Nachteile auch Vorteile. So beispielsweise unser Grüngürtel, der nicht durch Industrie zugebaut ist. Ein weiterer Vorteil: die Mieten sind verglichen mit den reichen Rheinstädten Köln und Düsseldorf günstig. Kein Wunder also, dass Mettmann heute eine Familienstadt ist. Die Kinder können von hier aus bequem lernen und studieren. Mettmann zählt zu den 40 einkommensreichsten Städten in Deutschland (die Kommune ist allerdings bettelarm). Die Dinge des täglichen Lebens sind (im Überfluss) vorhanden, das kulturelle Angebot ist gut. Wer mehr möchte, ist schnell in den nahe gelegen Zentren, wo ebenfalls alles (im Überfluss) abgreifbar ist.

Das Sozialleben in der Stadt ist – wie allgemein in Deutschland – das Ergebnis der Industrialisierung, die zu Wohlhaben, aber auch zu einer Entfernung zwischen den Menschen geführt hat, sowie der Jahrtausende alten hierarchischen Strukturen – immer mit Siegern und Verlierern. Die globale, digitale Erde funktioniert aber zunehmend nicht mehr mit diesen Systemen. Die ersten Veränderungen: Verflachung von Führungsstrukturen und Teambildungen, wenn es um Spitzenleistungen geht.

Dass Deutschland seit Einführung der Filterzigarette eine „Entlastungsgesellschaft“ geworden ist, haben wir 2018 zum ersten Male am eigenen Leibe erfahren als Folge des veränderten Jetstreams. Wenn jetzt die Jugendlichen anfangen, für den Erhalt des Globus zu kämpfen, ist das ein allererstes Aufbäumen in der breiten Gesellschaft. Ob ihnen allerdings – wie den vielen Mahnern seit den 1960er Jahren – gefolgt werden wird, ist noch offen.

Veränderungen bedürfen 1. einer Aktivierungsenergie: Veränderungen entstehen 2. (normalerweise) durch: Schmerzen, Notlage, große Ziele. Für Veränderungen braucht Mettmann also einzelne Menschen, die sich in Teams zusammenfinden, um an einem Ziel zu arbeiten. Ein Verharren im Ist bedeutet nicht nur nach Albert Einstein „Wahnsinn“. Vielmehr steht zu erwarten, dass es zu spät sein wird, um einen Ausweg aus der entstandenen Not zu schaffen, wenn nicht jetzt gehandelt wird.

„Auf die Politik alleine zu hoffen, wäre fahrlässig.“

Nur Einsicht und Begeisterung werden uns zu einer Weiterentwicklung bringen. Auf die Politik alleine zu hoffen, wäre fahrlässig. Denn Politik folgt üblicherweise gesellschaftlichen Veränderungen (Beispiel Wiedervereinigung Deutschlands); im Augenblick hat man eher den Eindruck einer Überforderung bei der Lösung der anstehenden Aufgaben.

Die kleine Bürgergenossenschaft VierViertel für Mettmann eG, gegründet 2013, setzt darauf, dass sich Menschen für die Stadtentwicklung zusammentun. Für Anfang 2019 ist von der Bezirksregierung Düsseldorf der Bescheid zur Posthalterei gemäß Heimat-Zeugnis angekündigt. Hier besteht – im Förderfalle – die Chance, dass sich ein erstes „bürgerschaftliches Team zur Stadtentwicklung“ zusammenfindet.

Gelingt dieser Schritt, werden auch weitere positive Gedanken in der Stadt Einzug halten. Und dann werden viele weitere – durchaus machbare – Ideen mit neuer Zuversicht angegangen werden – zusammen mit Politik und Stadt.